Selbstzahlerleistungen stärken Krankenkassen
Selbstzahlerleistungen in Arztpraxen und Kliniken stabilisieren nach Auffassung
des Verbands der Diagnostica-Industrie (VDGH) die solidarische
Krankenversicherung.
Zehn Jahre nach Einführung des so genannten IGeL-Systems forderte der
VDGH-Vorsitzende Dr. Jürgen Schulze daher heute (24.) in Berlin die Kritiker zur
differenzierten Betrachtung auf, Selbstzahlerleistungen nicht weiter als
überflüssigen Schnick-Schnack zu verunglimpfen, "mit dem lediglich Ärzte und
Industrie Geld verdienen wollen." Schulze erinnerte daran, dass gesetzlich
Krankenversicherte wichtige labormedizinische Testverfahren über Jahre nur dank
der Möglichkeit, sie selbst zu zahlen, nutzen konnten, obwohl keinerlei
medizinische Gründe gegen diese Tests gesprochen hätten - wie die anschließende
Aufnahme in den Leistungskatalog der Krankenkassen bewies, zuletzt das
Chlamydien Screening für junge Frauen. Solche Verzögerungen ließen sich
angesichts des langwierigen Aufnahmeverfahrens auch in Zukunft nur vermeiden,
wenn der Patient bereit sei, entsprechende Untersuchungsverfahren selbst zu
tragen. Erfreulicherweise, so Schulze, erkennen inzwischen viele Kassen
Selbstzahlerleistungen als Ergänzung ihrer Leistungspalette an.
Er empfahl den Kassen, solche Leistungen in den Wahltarifen anzubieten. Auch
Wahltarife mit labordiagnostischen Früherkennungstests könnten ein Element im
Krankenkassen-Wettbewerb sein. Die Gefahr einer Entsolidarisierung der
Krankenkassen sieht Schulze weder in Wahltarifen noch in Selbstzahlerleistungen:
"Versicherte, die keine Beschwerden haben, jedoch ihr persönliches Krebs- oder
Herzinfarkt-Risiko abklären lassen wollen, kann zugemutet werden, diese
Laboruntersuchungen selbst zu bezahlen." Selbstzahlerleistungen seien
individuell sinnvoll, stärkten die Entscheidungsfreiheit des mündigen Patienten
und entlasteten die Krankenkassen finanziell. Der Selbstzahlermarkt ist nach
Angaben des VDGH bisher für die Hersteller von Reagenzien und Diagnosesystemen
für das ärztliche Labor noch recht unbedeutend. Auf Grundlage einer Studie des
Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen wurde er auf etwa 60
Millionen Euro geschätzt. Das entspräche rund drei Prozent des
Diagnostica-Gesamtmarkts, dessen Volumen in Deutschland im vergangenen Jahr
knapp 2,1 Milliarden Euro erreichte. Der VDGH rechnet jedoch damit, dass der
Selbstzahlermarkt langsam, aber stetig wächst.
Der Verband der Diagnostica-Industrie (VDGH) vertritt als Wirtschaftsverband die
Interessen von ca. 90 Unternehmen. Sie stellen zur Diagnose menschlicher
Krankheiten entwickelte Untersuchungssysteme und Reagenzien sowie Instrumente,
Reagenzien, Testsysteme und Verbrauchsmaterialien für die Forschung in den
Lebenswissenschaften her. Die Branchen erwirtschaften in Deutschland einen
Umsatz von rund 3,5 Milliarden Euro. |